Jürgen Grahl und Gerhard Hübener

Dogmen und Scheinlösungen: Unterbewertungen durch Wirtschaftsmodelle und Einfluss auf die Politik

"Die Wirtschaftswissenschaft in der Tradition Adam Smiths interessiert sich primär für das Verhalten ökonomischer Akteure im Wettbewerb und die Preisbildung auf Märkten. Die physische Sphäre der Produktion von Gütern und Dienstleistungen liegt am Rande, wenn nicht sogar außerhalb des Blickfelds der meisten Ökonomen."

Reiner Kümmel [Quelle] (S. 32)

"Das Leben der Menschen wird in der modernen, säkularen Industriegesellschaft durch Wirtschaftstheorie ähnlich nachhaltig beeinflusst wie in der mittelalterlichen, frommen Agrargesellschaft durch Theologie."

Reiner Kümmel [Quelle] (S. 39)

Dogmen

Die Prognosen eines mathematischen Modells können nur so realitätsnah sein wie die zugrundeliegenden Modellannahmen. Umso wichtiger ist es, diese Annahmen regelmäßig zu überprüfen, sonst werden sie zum für unverrückbar erklärten, aber nie bewiesenen Dogma. Leider offenbaren wesentliche ökonomische Modelle (die überwiegend der tonangebenden neoklassischen Schule zuzurechnen sind) eine erschreckende Realitätsferne. Beispielsweise werden in der Tradition von Adam Smith, des Begründers der modernen Nationalökonomie (1723-1790), bis heute vor allem Kapital, Arbeit und Boden als die bestimmenden Produktionsfaktoren und damit als Basis allen wirtschaftlichen Wohlstands angesehen — was sie zu Zeiten von Adam Smith, am Vorabend der industriellen Revolution, ohne Zweifel auch waren. Aber die Zeiten haben sich gewandelt...

Unten sind einige Beispiele für weitere weit verbreitete Dogmen der Mainstream-Ökonomie aufgeführt. (Ausführlicher sind diese in dem Beitrag "Die Dogmen der Ökonomie und die Realität" dargestellt.) Zusammengenommen sorgen sie dafür, dass viele konventionelle Wirtschaftstheorien (zum Beispiel) die Gefahr globaler Klimaveränderungen nicht angemessen berücksichtigen und alternative Ansätze wie die von uns geforderte stärkere Belastung des Produktionsfaktors Energie übersehen werden (siehe auch: "Vom Elend der konventionellen Wirtschaftstheorien, oder: Die Vernachlässigung des Produktionsfaktors Energie").

Beispiel 1: Die Annahme, Produktionsfaktoren seien beliebig austauschbar

Viele Wirtschaftsmodelle nehmen implizit an, dass Produktionsfaktoren untereinander beliebig austauschbar sind: natürliche Ressourcen erfahren keine "besondere Behandlung" und können einfach "ersetzt" werden.

ausführlicher: Paul A. Samuelson (Ökonomie-Nobelpreisträger 1970) und William Nordhaus formulieren dieses Dogma in ihrer berühmten "Volkswirtschaftslehre" wie folgt: "Ökologen argumentieren immer wieder, dass Energie und andere natürliche Ressourcen wie unberührte Natur oder Urwälder ganz besondere Formen von Kapital sind, die unbedingt bewahrt werden müssen, um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten. Dieser Ansicht können sich Ökonomen nicht anschließen, denn sie betrachten die natürlichen Ressourcen einfach nur als eine weitere Kapitalform, die die Gesellschaft ebenso wie schnelle Computer, Humankapital in Form gut ausgebildeter Arbeitskräfte oder technologisches Know-How in ihren Wissenschaftlern und Technikern besitzt." [Quelle], S. 407. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Solow beschrieb dies 1974 wie folgt: "Falls sich natürliche Ressourcen sehr leicht durch andere Faktoren substituieren lassen, dann gibt es im Prinzip kein "Problem". Die Welt kann letzten Endes auch ohne natürliche Ressourcen zurecht kommen. [...] Sollte allerdings die reale Wertschöpfung pro Ressourceneinheit begrenzt sein [...], dann ist die Katastrophe unvermeidlich." [Quelle]

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Beispiel 2: Die Unterbewertung zukünftiger Schäden

Viele wirtschaftswissenschaftliche Modelle benutzen das Verfahren der "Zukunftsdiskontierung", um heute verursachte, aber erst in Zukunft zum Tragen kommende Schäden zu bewerten. Dabei werden aber selbst gigantische Schäden in teils extremer Form kleingerechnet, wenn sie nur weit genug in der Zukunft liegen. Von Philosophen wie Wirtschaftsethikern wird die Zukunftsdiskontierung weitgehend abgelehnt, und schon im alten Testament wird vor diesem "Esau-Prinzip" gewarnt.

ausführlicher: Zukunftsdiskontierung von 1% pro Jahr führt dazu, dass erst in 50 Jahren auftretende Schäden nur noch mit 61%, in 400 Jahren auftretende Schäden gar nur noch mit 0,7% ihrer Kosten gewichtet werden. Gemäß dieser Zeitpräferenz wird gegenwärtiger Nutzen höher eingeschätzt als zukünftiger Nutzen oder auch Schaden. Vor diesem "Esau-Prinzip" wird schon im alten Testament gewarnt [Fußnote]Zur Erinnerung: Esau war als Sohn Isaaks und Enkel Abrahams vor seinem Zwillingsbruder Jakob geboren worden. Er besaß das Recht der Erstgeburt, das Vorzugsrecht auf das Erbe. Eines Tages kam er von der Jagd hungrig nach Hause, wo Jakob gerade ein Linsenmus kochte. Esau sagte zu Jakob: “Lass mich doch rasch von dem roten Essen da kosten, denn ich bin erschöpft.” Jakob entgegnete: “Verkaufe mir heute noch Deine Erstgeburt.” Esau dagegen: “Ich wandele so einher und muss doch sterben! Was soll mir da die Erstgeburt?” Und um seinen gegenwärtigen Hunger zu stillen, verkaufte er eine Verheißung für die Zukunft. Jakob erhielt den seinem Bruder zugedachten väterlichen Segen und wurde der Stammvater Israels.. Die Philosophie von Spinoza über Kant und Schopenhauer bis zu Rawls lehnt eine solche Diskontierung der Zukunft einhellig ab; Birnbacher spricht vom "Skandalon der Zukunftsdiskontierung" [Quelle], und der Ökonom Harrod bezeichnet sie als "eine höfliche Umschreibung für Raffgier und die Herrschaft der Leidenschaften über die Vernunft" (zitiert nach D. Birnbacher, [Quelle]). Hohmeyer schildert, wie die Diskontierung künftiger Schäden dazu genutzt wird, die Kosten des Klimawandels zu bagatellisieren: "Ein besonderes 'Erlebnis' für den Verfasser dieses Gutachtens war in diesem Zusammenhang die Forderung einer Regierungsdelegation bei den Verhandlungen [...] der IPCC in Accra im März 2001, alle Klimakosten mit einer Diskontrate von 20% real auf Barwerte umzurechnen. Eine solche Vorgehensweise führt dazu, dass es für heutige Entscheidungen über Treibhausgasemissionen egal ist, ob der Golfstrom in einigen hundert Jahren aufgrund unserer heutigen Emissionen abreißt und Nord- und Mitteleuropa unbewohnbar werden, da jeder Schaden, der einige Jahrzehnte in der Zukunft liegt, praktisch auf Null abdiskontiert werden müsste." [Quelle] — (nach: Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum [Quelle] und Die 300-Milliarden-Euro-Chance (Abschnitt "Die Rolle der externen Kosten") )

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Beispiel 3: Die Unterbewertung der Nahrungsmittelproduktion

Da die Landwirtschaft in modernen Industrieländern nur wenige Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmacht, bewerten manche Ökonomen ihre Bedeutung entsprechend niedrig und gelangen zu dem irrwitzigen Schluss, dass, selbst wenn die landwirtschaftliche Produktion drastisch einbräche, das Bruttoinlandsprodukt und mit ihm Lebenshaltungskosten und Lebensqualität nur minimal sinken würden. Dieser Risikoeinschätzung entgeht, dass bei drastischer Verknappung der Nahrungsmittel deren Preise natürlich explodieren...

ausführlicher: "... Die Kurzsichtigkeit im Blick auf Preis und Wert schildert das ehemalige Mitglied des Direktoriums der Weltbank, Herman Daly, in seinem Artikel "When smart people make dumb mistakes" [Quelle], in dem er Äußerungen der Wirtschaftswissenschaftler W. Nordhaus (Yale University), W. Beckerman (Oxford University) und T.C. Schelling (Harvard University, ehem. Präsident der American Economic Association, Ökonomie-Nobelpreisträger 2005) berichtet. Diese hochangesehenen und einflussreichen Vertreter ihres Faches haben die Risiken des anthropogenen Treibhauseffekts aus ökonomischer Sicht bewertet. Dabei gehen sie von der Tatsache aus, dass zur Zeit die Landwirtschaft nur 3% zum Bruttoinlandsprodukt (Gross National Product, GNP) der USA beiträgt – ähnlich niedrig liegt ihr Beitrag auch in den anderen industriell hochentwickelten OECD-Ländern – und sie nehmen an, die Landwirtschaft sei praktisch als einziger Wirtschaftszweig von den Folgen des anthropogenen Treibhauseffektes betroffen. ... Damit gelangen sie zu dem Schluss, dass selbst bei einem drastischen Einbruch der landwirtschaftlichen Produktion nur unbedeutende Wohlfahrtsverluste zu erwarten seien: denn selbst wenn die Agrarproduktion um 50% zurückginge, sänke das Bruttoinlandsprodukt ja nur um 1,5%; würde die landwirtschaftliche Produktion durch den Klimawandel drastisch reduziert, so stiegen die Lebenshaltungskosten nur um 1 bis 2%, und das zu einer Zeit, wenn sich das pro-Kopf-Einkommen wahrscheinlich verdoppelt haben würde. Im Originaltext: "there is no way to get a very large effect on the US economy" (Nordhaus), "even if net output of agriculture fell by 50% by the end of next century this is only a 1.5% cut in GNP" (Beckerman), und "If agricultural productivity were drastically reduced by climate change, the cost of living would rise by 1 or 2%, and at a time when per capita income will likely have doubled" (Schelling). Dieser Risikoeinschätzung entgeht, dass bei drastischer Verknappung der Nahrungsmittel deren Preise natürlich explodieren und den heute eher marginalen Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt in die Höhe treiben werden. Vergessen scheint, dass schon immer schwere Wirtschaftskrisen mit Hungersnöten einhergingen." — (Auszug aus: Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum [Quelle])

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Beispiel 4: Die erste Ölkrise – Widerspruch zwischen Theorie und Praxis

Ähnlich wie die Nahrungsmittelproduktion bewerten viele Modelle auch die Bedeutung der Energie zu gering. Der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis wird anhand der ersten Ölkrise deutlich: nach klassischen Modellen, die die Bedeutung der Energie an ihrem Kostenanteil bemessen, hätte damals die Industrieproduktion lediglich um 0,37% sinken dürfen. Tatsächlich ging sie aber 14-fach stärker zurück (5,3%): ein klares Indiz der in der Karikatur skizzierten Schieflage.

ausführlicher: Ähnlich gering wie die Nahrung bewertet die Standard-Ökonomie auch die Bedeutung der Energie für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen. In beiden Fällen klaffen gegenwärtiger Marktpreis und der Wert für Leben und Wirtschaft weit auseinander. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Reaktion der neoklassischen Ökonomie auf die erste Ölkrise von 1973 bis 1975. Nach der Theorie kann der beobachtete Rückgang der Industrieproduktion (in den USA ca. 5,3 %) nicht mit dem Rückgang des Energieeinsatzes (in den USA ca. 7,3%) zusammenhängen. Denn: Nach der Theorie entspricht das Gewicht des Produktionsfaktors seinem Kostenanteil. Bei einem Kostenanteil der Energiekosten von 5% dürfte der Rückgang des Energieeinsatzes um 7,3% nur zu einer Reduzierung der Industrieproduktion um 7,3% x 5% = 0,37% führen. Die tatsächliche Reduzierung der Industrieproduktion war aber um das 14-fache höher, nämlich 5,3%. ... Folglich könne der Rückgang des Energieeinsatzes in dieser Zeit nichts mit dem konjunkturellen Einbruch zu tun haben, so der amerikanische Ökonometriker Denison. Diese Meinung ist repräsentativ: Bis heute gilt in der Ökonomie die erste Energiekrise als im Grunde genommen unverstanden. — (nach: Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum [Quelle])

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Scheinlösungen

Viele altbekannte Rezepte und populäre Alternativvorschläge sind von diesen Dogmen beeinflusst, und entpuppen sich als ungeeignete Scheinlösungen:

1. Permanentes (exponentielles) Wirtschaftswachstum

Der mit den hohen Lohnkosten begründete Zwang zu ständig steigender Arbeitsproduktivität und Wirtschaftswachstum führt in eine Sackgasse. Mit steigender Produktivität sinkt der Bedarf an Arbeitskräften. Dies zwingt zu noch stärkerem Wirtschaftswachstum, um die Arbeitslosigkeit in Grenzen zu halten. Was Ökonomen bisher nebulös als unvermeidliche Folge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts umschreiben (das sogenannte "Solow-Residuum"), ist schlicht und ergreifend ein Effekt der Schieflage zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit und Energie. Siehe auch Wachstumsfetischismus und Arbeitsproduktivität -- ein missverstandener Begriff.

2. Forderung nach niedrigen Energiepreisen

Die Fixierung auf niedrige Energiepreise ("Brotpreis der Moderne") resultiert aus der Unkenntnis des beschriebenenen Ungleichgewichts zwischen der Produktionsmächtigkeit und den Kostenanteilen der Faktoren Arbeit und Energie. Wenn wir die Schieflage zwischen den Faktoren Arbeit und Energie ändern wollen, müssen wir die Kosten an die reale Produktionsmächtigkeit der Faktoren anpassen. Wer nicht will, dass dazu die Löhne massiv gesenkt werden (im Wettbewerb mit den niedrigen Lohnkosten in Osteuropa oder Asien), der muss das bisher auf Individuen und juristische Personen angewandte Prinzip der "Besteuerung nach Leistungsfähigkeit" auf die Produktionsfaktoren erweitern.

3. Sozialabbau

Die neoliberale Strategie des Sozialabbaus hat nicht nur den Nachteil hoher gesellschaftlicher "Kollateralschäden" – sie ist auch ungeeignet, die skizzierten strukturellen Probleme zu lösen. Wenn wir den Faktor Arbeit entlasten wollen, gibt es eine weitaus sinnvollere Strategie: eine Besteuerung der Produktionsfaktoren gemäß ihrer Leistungsfähigkeit, Energiesteuern statt hoher Sozialabgaben.

4. Die Fixierung der Lohnpolitik auf die Steigerung des Bruttolohns

Eine Steigerung der Bruttolohnkosten vergrößert die beschriebene Schieflage zulasten des Faktors Arbeit – was (nicht nur, aber besonders stark) im Niedriglohnbereich den Trend zu Personalabbau, Automatisierung und Abwanderung in Billiglohnländer verschärft. Die Alternative: ein schrittweiser Ersatz der Sozialbeiträge der Arbeitnehmer durch Energiesteuern. Eine Reduzierung der großen Differenz zwischen Brutto- und Nettolohn wäre auch das sinnvollste Rezept gegen die zunehmende Schwarzarbeit. Ein solches Modell erfordert jedoch eine veränderte Strategie der Tarifpolitik (mehr dazu im Beitrag "Netto statt Brutto!").

5. Kapitalgedeckte Finanzierung der Sozialsysteme

Die mit der Einführung einer zusätzlichen kapitalgedeckten Finanzierung der Sozialsysteme (Renten- und Pflegeversicherung) beabsichtigte Entlastung des Faktors Arbeit hat leider einen grundlegenden Nachteil: die mit dem Geld der Rentenversicherungen arbeitenden Investmentfonds üben zusätzlichen Druck aus, "unrentable" Arbeitsplätze abzubauen (entsprechend These 3). Damit wird die bisherige Finanzierung des Sozialsystems noch stärker untergraben; dies verschärft die ohnehin "selbstzerstörerisch" wirkende Tendenz der einseitig auf dem Faktor Arbeit beruhenden Finanzierung.


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